Klar, damit eine Beziehung funktioniert, muss man Kompromisse eingehen und sich ein Stück weit an seinen Partner anpassen. Was ist aber, wenn sich ein Teil des Duos komplett zurücknehmen „muss“ und die eigenen Ziele und Träume immer mehr in den Hintergrund rücken? Natürlich sollte man in einer guten Beziehung auch immer an seinen Partner denken, aber meiner Meinung nach ist es für das eigene Ego nicht gut, all seine Bedürfnisse für den anderen zurückzustecken.

Ich, Ich, Ich! Gilt der Egoismus also wirklich als absoluter Beziehungskiller?

Ein gewisses Maß an Egoismus ist völlig normal!

Man mag sich vorstellen, dass in der Liebe der Egoismus endlich aufgebrochen würde, Zweisamkeit statt Eigenliebe.

Ich denke jeder von uns weiß, dass ein zu großes Ego für eine Partnerschaft schnell ziemlich gefährlich sein kann. Schließlich geht es in einer Beziehung stets um Zweisamkeit und nicht um das permanente Durchboxen der eigenen Interessen. Ein egoistischer Mensch hat meistens eine sehr beschränkte Sicht, was die Realität anbelangt und akzeptiert nur seinen eigenen Standpunkt.

„Du bist aber egoistisch!“ Patsch, der Satz sitzt und wirkt wie eine verbale Ohrfeige.

Aber: Ein wenig Egoismus ist auch in einer Beziehung völlig normal! Solange die Selbstliebe in gesunden Bahnen verläuft und niemand dadurch verletzt wird. Beide Partner sollten dennoch die Grenzen im Auge behalten und sich nicht ausschließlich auf die eigenen Wünsche und Bedürfnisse fokussieren. Sonst gelangt man schnell in eine Abwärtsspirale aus Ungerechtigkeit, Einseitigkeit und Nebeneinander her leben. Eine Beziehung ist auch immer mit Arbeit verbunden. Um den negativen Vibes rechtzeitig entgegenzusteuern, müssen beide Partner gleichermaßen ein gewisses Maß an Fair Play leisten. Betrachten wir den Begriff „Egoismus“ mal in seinem lateinischen Ursprung – er bedeutet nichts anderes als „Eigeninteresse“. Klingt logisch, oder?

In unserer Gesellschaft ist der klassische Egoismus in den meisten Fällen ziemlich negativ behaftet:

  • unanständiges Verhalten
  • nur zum eigenen Vorteil
  • ohne Rücksicht auf Verluste.

Nehmen wir aber mal an, dass du in deiner aktuellen Beziehung auf so ziemlich alles verzichten musst! Du stellst deine eigenen Bedürfnisse ganz hinten an und gibst dich für deinen Partner komplett auf. Würdest du jetzt immer noch sagen, dass ein wenig Egoismus schlecht für eine Beziehung ist? Oder anders gefragt: Findest du, dass du unter diesen Umständen eine glückliche Beziehung führst? Wohl kaum!

Und genau das ist die Krux in einer Partnerschaft!

Es ist nämlich nicht von der Hand zu weisen, dass zu jeder guten Beziehung sowohl ein Geben als auch ein Nehmen gehören. Beides muss sich die Waage halten. Um das zu erreichen, sollte nicht nur der richtige Partner an deiner Seite sein – du solltest dir vor allem bewusst machen, dass auch DEINE Träume zählen. Sich also aus Liebe für den anderen aufzugeben, ist absolut keine Option!

Denk auch mal an dich!

Ich kenne die Problematik nur zu gut. Auch ich neige manchmal dazu meine Ziele und Wünsche für meine Beziehung hintenanzustellen. Ein Beispiel: Schon seit vielen, vielen Jahren träume ich davon auszuwandern. New York stand dabei immer ganz oben auf meiner Liste. Seit einigen Monaten habe ich mein Herz an Stockholm verloren und irgendwie ist das ja auch viel realistischer als die USA. Dennoch will mein Mann Deutschland partout nicht verlassen. Einerseits kann ich das natürlich verstehen, andererseits ist das mein absoluter Lebenstraum – und diesen Schritt werde ich irgendwann definitiv gehen. Natürlich würde ich meine Ehe nicht aufgeben wollen, sondern es erst einmal aus der Ferne probieren. Immerhin trennen Hamburg und Stockholm nur eine Flugstunde. Das ist auf jeden Fall machbar – finde ich! Vielen Freunden, denen ich von meiner Idee erzählt habe, halten mich für egoistisch und ja: in dieser Sache bin ich es vielleicht wirklich. Aber wir leben nur ein einziges Mal. Unser Leben ist viel zu kurz und ich bin eben ein Fan davon, dass man Dinge ausprobiert und sie nicht gleich von vornherein negativ bewertet. Und wer weiß: Kann ja auch sein, dass es mir in der schwedischen Hauptstadt auf Dauer gar nicht gefällt, ich mit der Sprache nicht zurechtkomme oder aus finanziellen Gründen zurückkommen muss. Das ist alles möglich! Solange ich es aber nicht ausprobiert habe, will ich nicht darüber urteilen. Ich würde mir wünschen, dass mein Mann ebenfalls diesen Standpunkt vertritt.

In erster Linie muss man in einer Beziehung gut für sich selbst sorgen.

Diejenigen, die sich immer wieder für den anderen zurückstellen, sind am Ende leider auch diejenigen, die kraftlos sind. Am meisten Angst habe ich jedoch vor den Vorwürfe mir gegenüber, die irgendwann automatisch kommen werden. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen einem gesunden Egoismus und einem rücksichtslosen Ego-Trip. Es kommt immer darauf an, was die Absicht hinter dem jeweiligen Handeln ist. Die Intention entscheidet darüber, ob es sich um Selbstfürsorge handelt oder es eben doch nur eine fiese Ego-Masche ist.

Jeder Mensch möchte irgendwo seine eigenen Bedürfnisse an erster Stelle setzen. Daran ist auch absolut nichts verwerflich. Du solltest nur darauf achten, dass du die Bedürfnisse deines Partners nicht völlig vergisst. Gleiches gilt auch andersherum: Du kannst dich den Wünschen deines Partners zwar beugen, aber eben auch nur solange, wie es für dich okay ist. Stelle deine Interessen nicht ständig hintenan. Jeder ist sich selbst der Nächste. Ich finde es total gruselig, wenn sich meine Freundinnen komplett für ihren Freund aufgeben. Sowas hat für mich irgendwie keine Zukunft. Kompromisse müssen in jeder guten Beziehung eingegangen werden. So ist das nunmal. Wir treffen schließlich selten einen Partner, der 100 Prozent zu uns passt und alle Vorlieben mit uns teilt. Und genau das ist doch so schön daran. Es heißt ja schließlich auch: Gegensätze ziehen sich an! Solange wir in der Beziehung glücklich sind und mit unserem Partner unsere Erlebnisse teilen können und möchten – gehe ich gerne den einen oder anderen Kompromiss ein. Ebenso verlange ich das aber auch von meinem Gegenüber. Was ist also falsch daran? Geben und Nehmen – dann klappt es auch mit dem Fünkchen Egoismus in der Beziehung.

Vielleicht sollten wir auch einfach mal hinterfragen, warum wir uns für den Partner aufopfern? Am Ende haben wir doch alle unser Eigeninteresse im Blick – sei es geliebt oder nicht verlassen zu werden. Alles, was wir tun, tun wir nur für uns – wir sind eben alle irgendwie Egoisten … vor allem in der Liebe. 

Fotos: Yana Schicht

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